Wochenspiegel - Arikel vom März 1998

"Laß laufen!", aber pur und ohne Eis

Glauchauer Whisky Verein erhebt edles Getränk zum Kultobjekt

Glauchau (wb). Hazy Osterwald hatte schon in den 60ern geträllert: "Whisky pur, Whisky pur, sieben Tage in der Woche Whisky pur ...". Sie trinken ihn mit Leidenschaft, die 14 Damen und Herren der Glauchauer Whisky Vereins. Regelmäßig, an weißgedeckter Tafel des kleinen Renaissancesaales im Glauchauer Schloß geht's zur Sache. Doch sieben Tage in der Woche wäre selbst ihnen zuviel. Osterwalds Ratschlag im Lied, H²O zu verschmähen, wird ebenfalls nicht ernst genommen. Monika Koop, Angestellte bei der Glauchauer Stadtverwaltung und Schriftführerin des Vereins, schiebt allen eventuellen Mutmaßungen sofort einen Riegel vor: "Wir betreiben ein ernsthaftes Hobby und suchen keinen Vorwand für abendliche Saufgelage." Sagt's und prostet mit einem ungeschliffenen Sherryglas, den vereinseigenen Trinkspruch "Laß laufen!" auf den Lippen, zu. Tatsächlich Whisky pur. Die erste Lektion für den Laien mit mangelhafter Whisky-Erfahrung, der das Getränk bisher aus einem mit Eis gefüllten Tumbler unkultiviert in sich hineingeschüttet hat.

Igitigit. Für soviel Unkenntnis haben die Experten vom Verein kein Verständnis. "Die Hochprozentigen verdünnt man eventuell mit Wasser, im Notfall mit welchem aus der Leitung. Aber niemals mit Eiswürfel. Da kann der Whisky doch gar nicht sein Bukett entfalten, und das Aroma ist auch hin", empört sich Monika Koop. "Wir trinken ihn daher meistens pur."

Wie man's richtig macht, um zu genießen, wird einem auch gleich aufs Butterbrot geschmiert. Gekonnt eingeschenkt - niemals aus dem Kühlschrank, sondern mit Zimmertemperatur - überprüft man zunächst mit Kennerblick die Farbe, legt den Kelch des Sherryglases sanft in die Hand, damit durch die von ihr ausgehende Wärme Bukett und Aroma des Whiskys entfaltet werden und haucht dieses mit der Nase ein. Den Zinken aber nicht ins Glas stecken! Erst nach dem obligatorischen Trinkspruch wird elegant ein Schluck genommen. Ein zeremonieller Ritus, den man selber bisher nur beim Rotwein angewandt hat. Soviel zu Lektion Nummer zwei.

Die dritte folgt auf dem Fuße: Da stehe Frauen in der Materie, wo man immer dachte, Whisky sein ein Getränk für hartgesottene, trinkfeste Männer. Zugegeben, ein ausgefallenes Hobby, dem die Vereinsmitglieder jetzt seit zwei Jahren im Team frönen. "Es gibt erlesene Sorten des Getreidebranntweins mit dem arteigenen Rauchgeschmack, die kosten ein Vermögen", weiß Vereinsvorsitzender Olaf Papsdorf, der im bürgerlichen Leben Geschäftsführer der Firma A. C. & Partner ist, zu berichten. "200, 300, 400 Mark und mehr gibt Ottonormalverbraucher üblicherweise nicht für eine Flasche Whisky aus. Auf einen edlen Schluck der gehobenen Preisklasse braucht man dennoch nicht zu verzichten, wenn sich Gleichgesinnte zusammentun. Dann wird's billiger für den Einzelnen." Ein Motiv, warum am 30. April 1996 der Glauchauer Whisky Verein feuchtfröhlich aus der Taufe gehoben wurde. "Bei unseren Zusammenkünften probieren wir Whisky-Sorten aus verschiedenen Regionen", hakt Vermessungstechniker Steffen Fiedler ein. Er ist Organisationstalent und hat deshalb für die Vorbereitung und den Ablauf von Vereinsveranstaltungen den Hut auf. "Das maßvolle Trinken ist eine Sache. Aber wir beschäftigen uns auch mit der Geschichte des Whiskys, seiner Herstellung, der Kultur und Geographie der Gegenden, aus denen er herkommt."

Alle Geheimnisse über Whisky sollen für jedermann gelüftet werden. Zum Beispiel in den monatlichen Whisky-Seminaren, die regelmäßig unter Regie von Angela Fiedler durchgeführt werden. Die Sparkassenkauffrau ist Vizevorsitzende des Vereins und für alles Fachliche, bis hin zur Beschaffung des Whiskys, verantwortlich. In den Seminaren kriegt man alles eingebläut, was man über Whisky wissen muß. Wer übers Grundseminar bis zum Aufbauseminar mitmacht, kennt den geschmacklichen Unterschied zwischen schottischem, irischem, amerikanischem und japanischem Whisky und kriegt das per Zertifikat bescheinigt. "Die Nachfragen für diese Seminare sind so groß, daß eine Teilnahme nur bei vorheriger Anmeldung möglich ist", empfiehlt Angela Fiedler. Die junge Frau ist Auskennerin. Sie weiß die Quellen, wo man wirklich exzellenten Whisky herbekommt. Bei einem ihrer früheren Schottlandbesuche knüpfte sie beispielsweise Kontakte zur Scotch-Malt-Whisky-Society in Edinburgh. Angela und ihr Mann Steffen haben ihren diesjährigen Sommerurlaub bereits wieder in Schottland verplant. Kultur und Kult ist es, was die Mitglieder des Glauchauer Whisky Vereins zelebrieren. Nur zur Walpurgisnacht, dem Vereinsgeburtstag, wenn in Fiedlers Garten am Fuße des Bismarckturms das Hexenfeuer brennt, wird wirklich die "Sau rausgelassen". Na dann "Laß laufen!"